Die stille Wahrheit hinter dem Lärm Silvester – für viele Menschen 4 ein Fest voller Lichter und Freude, für Tiere jedoch die wohl stressigste Nacht des Jahres. Zwischen glitzernden Feuerwerken, lauten Böllern und hitzigen Diskussionen um Umweltbelastung treffen Tradition und moderne Kritik aufeinander. Doch was bedeutet dieses Spektakel wirklich für Mensch, Tier und Natur?
Herr Pfisterer weiß, dass seinen Schützlingen die härteste Nacht des Jahres bevorsteht. Nur noch wenige Minuten bis zum neuen Jahr. Er geht an den Käfigen vorbei. Die Hunde sind unruhig, einige bellen, andere kauern sich in die hinterste Ecke. Die Katzen sitzen reglos, ihre Augen wachsam auf ihn gerichtet. Draußen krachen die ersten Böller – ein scharfer Kontrast zur sonst so ruhigen Lage des Tierheims. Es wird eine lange Nacht. Er weiß, dass er den Tieren nicht erklären kann, dass sie nicht in Gefahr sind. Aber er bleibt. Mit leiser Stimme spricht er beruhigend auf sie ein. Er will ihnen zeigen, dass sie nicht allein sind.
Drei Tage zuvor, am 28. Dezember, beginnt Franz Rathgeber traditionell mit seinen Einkäufen. Feuerwerkskörper aller Art landen in seinem Wagen. Seit Jahren organisiert er öffentliche Feuerwerke in Deutschland und im europäischen Ausland. Wie jedes Jahr hofft er, seinem Publikum ein einzigartiges Spektakel zu bieten, das die Menschen begeistert und festlich ins neue Jahr begleitet. Die zunehmend lauter werdenden Forderungen nach einem generellen Feuerwerksverbot kann er nicht nachvollziehen. Feuerwerk sei ein fester Bestandteil der Kultur, es bringe die Menschen zusammen. Moderne Alternativen wie Drohnen- oder Lasershows hätten seiner Meinung nach keinen vergleichbaren Charme, würden schnell langweilig und seien außerdem viel zu teuer. Die meisten Unfälle, betont er, würden ohnehin durch illegales Feuerwerk aus dem Ausland oder durch unsachgemäßen Umgang entstehen. Hier wünscht er sich strengere Kontrollen, um Verletzungen zu reduzieren.
Schon rund zwei Wochen bevor Franz Rathgeber seine Shows vorbereitet, hat der Bund Naturschutz eine Pressemitteilung veröffentlicht. Darin appellieren sie an die Menschen, den Kauf von Feuerwerkskörpern zu boykottieren und die Silvestertradition kritisch zu hinterfragen. Feuerwerk verursache nicht nur Verletzungen und Unmengen an Müll, sondern belaste auch die Umwelt erheblich. Die Feinstaubemissionen in der Silvesternacht machten laut Umweltbundesamt etwa ein Prozent der gesamten Jahresbelastung aus. Dies sei besonders gefährlich für ältere Menschen, Kinder und Personen mit Atemwegserkrankungen. Zudem bleibe eine große Menge Müll zurück, von der ein erheblicher Teil in Gewässern lande und zur Verschmutzung von Böden und Wasser beitrage.
Viele Haustierbesitzer können Herrn Pfisterers Erfahrungen gut nachvollziehen. Feuerwerk löst bei zahlreichen Tieren Stress und Panik aus. Zwar könne es helfen, Haustiere vor den Lichtblitzen abzuschirmen und ihnen nah zu sein, doch die beste Lösung wäre ein genereller Verzicht. Noch stärker betroffen sind Tiere in freier Wildbahn. Vögel beispielsweise, desorientiert durch Licht und Lärm, erliegen der Erschöpfung oder prallen gegen Gebäude. Auch der Winterschlaf von Igeln und anderen Tieren wird gestört. Dies führt zu einem unnatürlich hohen Energieverbrauch, der ihre Überlebenschancen drastisch mindert.
Der erste Morgen des Jahres 2025 bricht an. Die unruhige Nacht im Tierheim ist in den frühen Morgenstunden zu Ende gegangen. Herr Pfisterer ist erleichtert, dass der Spuk vorbei ist und die Normalität in seine Einrichtung zurückkehrt. An vielen Straßenecken türmen sich jedoch noch Müllberge. Vom Regen durchweicht, sickern schädliche Chemikalien in den Boden und verschmutzen das Wasser. Franz Rathgeber ist dennoch zufrieden: Sein Feuerwerk auf dem Marktplatz in Roth war für viele Menschen das Highlight der Silvesternacht. Nächstes Jahr will er noch einen draufsetzen.